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  • AutorenbildNatascha Fouquet

Herr Nielsen vom Dach

Aktualisiert: 14. Feb.

Reetdächer gehören zu Norddeutschland wie Dünen und Wattenmeer. Der Föhrer Dachdecker Norbert Nielsen erklärt, wie das Schilfrohr aufs Haus kommt … und noch einiges mehr!


Magazin "Im Grünen" 7f.com/magazin, Juli 2023. Fotos: Merlo/Mildred Schaub.



„Sturm ist, wenn die Schafe keine Locken mehr haben“ – dieser Spruch wurde zweifellos auf der Insel Föhr geprägt, denke ich, als ich bei strammer Brise auf dem Fahrrad Richtung Inselosten strampele. Die Schafherden, denen ich auf meinem Weg begegne, machen entgegen meinen Erwartungen einen ordentlich ondulieren Eindruck.

Es ist 7 Uhr morgens, als ich das Ortsschild Oldsums erreiche. Rosen und Klatschmohn leuchten vor den Haustüren um die Wette, ein reetgedecktes Haus kuschelt sich hier an das nächste, tiefe Traufen und kleine Fenster zwischen hölzernem Fachwerk. Hygge auf Friesisch. Und Reet ist das Stichwort - denn dieses Material ist der Grund meiner Tour. Ich will wissen, wie die Halme aufs Dach kommen, ob das Traditionshandwerk noch Zukunft hat, wo dieser älteste aller Baustoffe geerntet wird und ob er in puncto Energiebewusstsein nicht ein „echtes Pfund“ ist. Beantworten kann dies Norbert Nielsen. Er ist nicht nur gebürtiger Insulaner, sondern auch gelernter Zimmermann, passionierter Reetdachdecker und mein versierter Ansprechpartner an diesem Freitag im Mai.


Altes Reetdach, das jahrzehntelang Regen, Sturm und Sonne standgehalten hat.

Erste Hilfe beim Dachschaden


„Hartelek welkimen üüb Feer“ (herzliche willkommen auf Föhr) begrüßt mich Nielsen, seit 1995 Inhaber der Föhrer Reetbedachungs GmbH. Wie viele Insulaner spricht auch er noch den Inseldialekt Fering, der mittlerweile sogar Schulfach ist. Viel Zeit für Smalltalk bleibt uns aber nicht, denn es geht direkt zur Baustelle. Das Haus zeigt sich „oben ohne“, das Naturdach war marode. „Wenn schon die Bindung zu sehen ist, ist dies ein guter Indikator dafür, dass ein Dach runter muss“, erklärt Nielsen. „Eine staubige Angelegenheit, wenn einem der Dreck eines halben Jahrhunderts um die Ohren fliegt.“ Etwa 30 Jahre "plus" halte so ein Reetdach. Ist ein Dach neu eingedeckt worden, beginnen sich die Halme nach rund einem Jahr zu setzen, bedeutet: Das Volumen der gut 40 cm dicken Schicht verringert sich von da an um etwa 1 cm per anno. Sonne, Frost, Sturm und vor allem Feuchtigkeit lassen das Material altern.

Reet ist ein guter Seismograf für die Veränderung des Klimas.

Und: Reet sei ein guter Seismograf für die Veränderung des Klimas, hat der 52-Jährige beobachtet. In den Wintermonaten fehlen mittlerweile die Frostperioden, die UV-Strahlung und die zunehmende Feuchtigkeit in der kalten Jahreszeit machen dem Schilf zu schaffen. Moose, Algen und ein Pilz, der seit etwa zehn Jahre vermehrt auftritt, verringern heute die Lebensdauer der Dächer. Entsprechend nehmen Dachpflege und Instandhaltung weit mehr Zeit in Anspruch als früher.


Foto: Merlo/Mildred Schaub


Tradition trifft auf Energiesparverordnung


Nielsens Team ist längst in gut zehn Metern Höhe unterwegs. Energetische Sanierung ist jetzt angesagt, um den darunterliegenden Wohnraum und die Dachkonstruktion auf Niedrigenergiehausstandard zu bringen. Ursprünglich - gibt er mir einen kleinen Exkurs in die Entstehungsgeschichte der Reetdächer - wurden Dachgeschosse als Stroh- oder Getreidelager genutzt, eine Dämmung war also nicht nötig. Der Luftstrom war ausdrücklich erwünscht, um Fäulnis zu verhindern. Regen konnte zwar in die äußere Dachschicht eindringen, doch ebenso schnell wieder entweichen. Seit man unter dem Dach lebt, dichten eine zusätzliche Dampfsperre und Dämmmaterial das Dach ab. Eine solche Konstruktion ist zwar in Sachen Energieeffizienz top. Die Feuchtigkeit, die von außen eindringt, kann heute jedoch nur entweichen, indem man einen durchlüfteten Zwischenraum von 6 cm zwischen Dämmung und Schilfrohren schafft.



9 Uhr, Frühstückspause. Kaffee aus der Thermoskanne macht die Runde, Stullen werden aus Butterbrotpapier geschält. „Als sich Anfang der 90er Jahre der letzte Reetdachdecker der Insel zur Ruhe setze, eignete ich mir das nötige Fachwissen an“, erinnert sich der Zimmermann. 1995 begab er sich gemeinsam mit seinem damaligen Partner in die Selbständigkeit. Seitdem haben der 52-Jährige und seine sechs Mitarbeiter alle Hände voll zu tun. Seit einigen Jahren gibt es einen weiteren Mitbewerber und bald wohl auch einen dritten. Gut sei das, findet Nielsen. Anders könne man auf die hohe Nachfrage nicht reagieren. Tatsächlich wächst die Fangemeinde derer, die sich ein Haus unter Reet wünschen, trotz steigender Materialkosten.


Apropos: Wie tief muss ein Bauherr für ein schmuckes Friesendach denn ins Portemonnaie greifen? Der Fachmann überschlägt: „Grob geschätzt kostet es doppelt so viel, wie ein konventionelles Dach.“

Viele Schritte seien notwendig bis zur Fertigstellung. Rund vier Wochen lang werkeln drei Mann zeitgleich auf einem Dach. „Aufgrund der um gut 50 % gestiegenen Materialpreise muss ich 150 € pro Quadratmeter allein für die Reeteindeckung aufrufen. Für ein Einfamilienhaus mit 250 m2 Dachfläche kommt da also einiges zusammen.“



Reet ist so lange Natur, bis es aufs Dach kommt


Zum Mittagessen geht es nach Hause, die Wege sind ja nicht weit auf der 12 km langen und 6,8 km breiten Nordseeinsel. Frau Nielsen hat noch im Büro zu tun - ihr Revier im Familienbetrieb. Zwei Töchter studieren auf dem Festland, die Dritte ist in Ausbildung. Ob sich da schon eine Anwärterin für die Übernahem des Betriebs gefunden hat? „Leider nein“, bedauert Norbert Nielsen. Nur zu gerne würde er Nachwuchs ausbilden, die Suche war bisher nicht erfolgreich. „Bleibt mir nur die Hoffnung, dass ein künftiger Schwiegersohn Interesse zeigt“, lacht er.



Auf der nächsten Baustelle leuchtet die frisch gedeckte Leeseite des Daches schon golden in der Sonne. Das mannshohe, zu Bündeln geschnürte Schilf kommt mitsamt der Blume (Ähre) aufs Dach und wird anschließend dem Klopfbrett in die richtige Position gebracht. Die Blütenstände verschwinden jeweils unter der nächsten Schicht. Werkzeug braucht Nielsen nur wenig: einen kleinen und einen großen Klopfer, eine Zange, einen Drahtbinder sowie einen Akkuschrauber. Ach ja, und natürlich die schmalen Laufbalken, die in die Dachsparren eingehängt das Stehen an der Schräge ermöglichen. Ursprünglich wurden Rohrdächer aufwendig genäht, erfahre ich. Heute hält ein fester, geschraubter Draht das Reet an Ort und Stelle. Das Reet, Phragmites Australis, wird heute überwiegend aus Rumänien, Ungarn, aus der Ukraine und sogar aus Asien importiert und braucht ein Jahr, um die optimale Halmdicke zu erreichen. Erntezeit ist im Dezember.  

Allein die Witterungseinflüsse machen den Naturstoff zu Sondermüll.

Natur pur also? „Mitnichten“, klärt Nielsen mich auf. Schon die Witterungseinflüsse lassen Reet zu Sondermüll werden. Derzeit denkt er über eine Möglichkeit nach, abgetragenes Material zur Energiegewinnung zu nutzen. Auf seinem Schreibtisch liege bereits ein fertiges Konzept für eine solche Anlage, verrät er. Nielsen schaut auf die Uhr: 17.30 Uhr, Feierabend für sein Team, aber längst noch kein Wochenende für ihn. Samstag ist Bürotag. Über die Woche bleibt manches liegen, das muss halt am Wochenende erledigt werden. Ein Fulltimejob, den man eben nur mit echtem Herzblut ausüben kann.






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